01
Inventio Fortunata
Ungesehen und unbetreten, in mächtiger Todesruhe schlummerten die erstarrten Polargegenden unter ihrem unbefleckten Eismantel vom Anbeginn der Zeiten. In sein weißes Gewand gehüllt, streckte der gewaltige Riese seine feuchtkalten Eisglieder aus und brütete über Träumen von Jahrtausenden.
So schreibt Fridtjof Nansen vor seinem legendären Aufbruch mit der Fram ins Nördliche Eismeer. Über Jahrhunderte haben die Polarregionen die Phantasie der Menschen beschäftigt, über Jahrhunderte hatte sie kein Mensch betreten. Die alten Wikinger, die nach Grönland segelten und die russischen Pomoren, die zu Fischfang und Pelztierjagd nach Spitzbergen zogen, kannten die nordischen Küsten schon lange gut. Eine Vorstellung von den nördlichen Küsten und Meeren verbreitete sich jedoch erst, als erste Karten erstellt wurden. Eine der bekannteren aus der Frühzeit der modernen Kartographie ist jene von Gerardus Mercator (1512-94), entstanden etwa 1595.
Den Mittelpunkt der Karte bildet ein großer schwarzer Magnetstein, umgeben von offenen Wasser und in etwas weiterer Entfernung umgeben von vier Inseln, auf einer von ihnen sollten Pygmäen wohnen. Ähnliche Karten finden sich schon Jahrzehnte vorher, erstmals die des Nürnbergers Martin Behaim 1492. Eine Erklärung für diese mythische Darstellung lieferte jedoch Mercator. Er beruft sich auf einen flämischen Reisenden, Jacobus Cnoyen. Dieser hätte von einem englischen Mönch und Mathematiker berichtet, der angab, 1360 in den hohen Norden gereist zu sein. In Grönland hätte er einem Priester ein Astrolabium geschenkt. Alle Beobachtungen seiner Reise, und zwar vom 54. Breitengrad bis zum Pol, hätte er in einem Buch festgehalten. Dieses Buch nannte er „Inventio Fortunata“. Bald nach Erscheinen der Inventio begannen die Spekulationen, ob der Franziskaner tatsächlich bis zu den beschriebenen Regionen vorgedrungen sein könnte. Bis heute lässt sich das weder beweisen noch widerlegen. Mercators Karte gelangte sogar bis China und Japan und hatte lange Zeit große Bedeutung für die Vorstellung zu den Nordpolargegenden.
02
Inter Caetera
Der Drang, einen Weg durch die nördlichen Meere nach den südlich gelegenen Ländern China und Indien zu suchen, entsprang wirtschaftlichem Streben und politischem Geltungsbedürfnis.
Nach den Entdeckungen von Kolumbus und Vasco da Gama und Streitigkeiten zwischen Spanien und Portugal erließ der Renaissancepapst Alexander VI. (1431 – 1503) im Mai 1493 die Bulle Inter Caetera – und teilte damit die Welt auf in zwei Interessenssphären.
Spanien erhielt die westliche Halbkugel zugesprochen und Portugal die östliche Halbkugel. Beide Seemächte hatten nun uneingeschränkten und direkten Zugang zum Handel mit den Reichtümern des Südens, ohne sich mit Herrschern auseinandersetzen zu müssen, die auf dem Landweg hinderlich gewesen wären.
Ein Geograph und Arzt aus Nürnberg, Hieronymus Münzer (1447 – 1508) verfasste nur wenige Monate nach dem Erlass der Bulle Inter Caetera, im Juli 1493, einen bemerkenswerten Brief. Dieser war an den portugiesischen König Joao II. gerichtet und schlug vor, doch einen kürzeren Seeweg über den Atlantik nach Asien zu suchen. Das Original des Briefes ist nicht erhalten, allerdings eine Übertragung vom lateinischen ins Portugiesische und später auch ins Deutsche
03
Fretum Anianum
Anderen Seefahrernationen wie England und Holland, blieb mit der päpstlichen Bulle von 1493 der Weg nach den „Gewürzländern“ versperrt. Es lockten hohe Erträge, die benachteiligten Länder suchten also andere Wege, die von der päpstlichen Bulle nicht berührt wurden.
Obwohl keinerlei Kenntnisse zur Natur im Norden vorhanden waren, weder zu geographischen noch Witterungsverhältnissen, existierte die Annahme, dass der eurasische vom amerikanischen Teil der Welt durch eine Straße getrennt wäre, die Fretum Anianum.
Diese Idee war der Ausgangspunkt, in die Regionen des ewigen Eises aufzubrechen.
Es dauerte Jahrhunderte, bis tatsächlich durchgehende Reisen auf den nordwestlichen und nordöstlichen Seewegen gelangen. Doch jeder entbehrungsreiche, oft mit tödlichen Opfern verbundene Vorstoß brachte neue Erkenntnisse über das Wesen dieser unbekannten Erdregion.
Giovanni Caboto (geb. um 1450; † 1498, nach seiner Übersiedlung nach England John Cabot), italienischer Seefahrer, fand in Spanien oder Portugal keine Fürsprecher für seine Idee einer Querung im Norden. Die Konkurrenz, reiche englische Kaufleute, rüsteten seine Expedition für eine Suche des Seeweges in westlicher Richtung aus. König Heinrich VII erteilte die Genehmigung. Nach einer ersten erfolgreichen Reise 1497 konnte er seinen Fuß auf amerikanischen Kontinent setzen und nannte es „New found land“. Cabot allerdings vermeinte, Cathay – China entdeckt zu haben. Bei weiteren, deutlich besser ausgerüsteten Expeditionen verlor sich jede Spur seiner fünf Schiffe und 200 Mann.
04
Botschaft des Großfürsten von Moskau
Für die unvollendete Mission fanden sich bald andere Befürworter.
Der italienische Biograf und Geschichtsschreiber Paolo Giovio hielt in seinem 1525 veröffentlichten Bericht „Buch der Botschaft von Basilius, Großfürst von Moskau“ seine Gespräche mit dem damaligen Botschafter ‚Demetrius Erasmius‘ fest. Dmitri Gerassimow (1465 – 1535 o. 1536), Diplomat, Wissenschaftler, lateinischer Übersetzer, weilte zu der Zeit in römischer Mission in Italien. Seine Erzählungen über die Lebensweise, die Religion, Kultur und Geografie Moskaus brachten Europa diese entlegene Region näher. Zugleich erschien im gedruckten Werk erstmalig eine ‚Zeichnung von Moskau, zusammengestellt nach Angaben von „Botschafter Demetrius“. Einer Stelle im Buch maßen die Seefahrer besondere Bedeutung bei:
Es ist jedoch hinreichend bekannt, dass die Dwina, die unzählige Flüsse aufnimmt, in einer schnellen Strömung nach Norden strömt und dass das Meer dort eine so große Ausdehnung hat, dass nach einer sehr zuverlässigen Annahme, wenn man sich am rechten Ufer hält, Von dort aus man gelangt mit dem Schiff bis an die Grenzen Chinas, sofern dazwischen kein Land zu finden ist.
Mit der Verbreitung dieses Buches war der Anstoß für die Suche des Seeweges nach China in Richtung Nordost gegeben.
05
Vater und Sohn Thorne
Der Seefahrer Robert Thorne der Ältere, betrieb, wie später sein Sohn, als Kaufmann Handel mit Spanien und Portugal und war offensichtlich in die Cabot-Reise von 1497 involviert. Dem jüngeren Robert Thorne (1492 – 1532) war daran gelegen, eine Handelsweg nach dem Fernen Osten für England zu erschließen. Die Berichte Gerassimows über das Moskauer Reich sollen ihm bekannt gewesen sein. So erschien 1527 seine ‘Declaration of the Indies’ mit einer Karte, die er an den König Heinrich VIII übergeben ließ. Darin legt er einen Plan dar für eine Fahrt nach Asien nördlich von England. In der Zusammenfassung des Papiers liest man:
Die Vermutung, dass es einen viel näheren Weg zu den Gewürzinseln gibt als der der Spanier oder Portugiesen. Es besteht der starke Wunsch des Autors, die Navigation in Richtung Norden zu versuchen.
In der „Declaration“ werden hohe Gewinne auf einem sehr viel kürzeren Seeweg vorausgesagt. Robert Thorne drängt den König zum Handeln. Als das Schiff für die Expedition fast ausgerüstet war, starb Robert Thorne.
Robert Thorne war es auch, der den Grundstein für die Vorstellung vom eisfreien Polarmeer legte. Diese Theorie, bis ins 19. Jahrhundert verbreitet, besagte, dass rund um den Nordpol eisfreies Meer vorzufinden ist.
Leseempfehlung
Alle Public Domain, außer:
Robert Thorne sen. und jun. – Library and Archives Canada/MIKAN 2851555
