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4. DER GROSSE RUN

01

Mit den Berichten Carl Weyprechts und Julius Payers war die Kenntnis über eine polare Landmasse, weiter nördlich gelegen als je bekannt, in die Welt gelangt. 

Das löste in den Folgejahren einen Ansturm von Expeditionen aus verschiedenen Ländern aus, weniger der wissenschaftlichen Erkenntnisse wegen als des Willens, über diesen Archipel einen vermeintlich einfachen Weg zum Nordpol zu finden, diesem lockenden, noch unbezwungenen Punkt der Erde. Wie in keiner anderen arktischen Region zeugt die Namensgebung der Inseln, Kaps und Fjorde von Expeditionen unterschiedlicher Nationalitäten, die die Karte des Franz-Josef-Lands weiter vervollkommneten.

1879 De Bruyne

Aus den Aufzeichnungen des holländischen Kapitäns de Bruyne ist anzunehmen, dass er sich nach seiner Fahrt in der Barentssee mit seinem Segelschiff Willem Barents dem neuentdeckten Land bis auf Sichtweise näherte. Es war schon September und so verzichtete er auf ein Anlanden mit seinem für diese Navigationsverhältnisse  wenig geeigneten Schiff.

02

1880 und 1881 – 1882

Der Brite Benjamin Leigh Smith (1828–1913) war ein schon erfahrener Polarforscher, als er 1880 das erste Mal nach Julius Payer wieder Inseln des Franz-Josef-Land betrat. Mehrfach hatte er Spitzbergen erforscht, auch 1880 hielt er sich dort mit seiner Bark Eira auf.

Die Bark Eira
Die Bark Eira

Das Vordringen nach Norden verhinderte eine unüberwindbare Eisbarriere. So erreichte die Expedition weiter östlich Franz-Josef-Land und erkundete das südliche Gebiet des Archipels. Die Männer kartierten erstmals die Northbrook-Insel, die Inseln Bell, McClintock, Mabel, Bruce und Eaton und erreichten das südliche Ufer der schon von Julius Payer gesichteten Insel, die er nach dem englischen Botaniker Joseph Hooker benannte.

Im Folgejahr kehrte Benjamin Leigh Smith mit 25 Mann zurück. Seine Expedition war unter anderem auf der Suche nach der verschollenen Jeanette. Auf der Insel Bell errichtete man zur Vorbereitung auf eine Überwinterung ein solides Holzhaus. Als die Mannschaft sich auf der nahegelegenen Northbrook-Insel am Kap Flora aufhielt, wurde die Eira jedoch vom Eis zerdrückt. Fast in Sichtweite ihres neuen, schützenden Holzhauses gab es keine Möglichkeit, es zu erreichen. Die Mannschaft rettete Boote, Proviant und anderes Gerät vom sinkenden Schiff und konnte in einer kleinen Hütte den Winter überstehen.

Die Bell-Insel von der Northbrook-Insel aus gesehen
Die Bell-Insel von der Northbrook-Insel aus gesehen

Im Sommer 1882 brach die Gruppe, ganz ähnlich der Admiral-Tegetthoff-Überlebenden, in den Booten rudernd, Richtung  Nowaja Semlja auf. Bei Matotschkin Schar trafen sie auf zwei rettende britischen Schiffe.

03

1894 – 1897

Zwei Expeditionen auf dem neuentdeckten Franz-Josef-Land waren die Schiffe verlorengegangen, aber die Überwinterung und die Rückkehr waren beiden Schiffsleitungen geglückt. Und noch immer war nicht klar, wie genau das Gebiet um das von Payer gesichtete Petermannsland aussah. Reichte es möglicherweise bis zum Nordpol?

Wiederum folgte ein Brite diesen Spuren, der Polarforscher Frederick George Jackson (1860–1938), gesponsort vom Zeitungsverleger Alfred Harmsworth. Jacksons fast 1.000 Seiten umfassender Expeditionsbericht besticht neben seinen präzisen Beschreibungen vor allem durch eine Vielzahl exzellenter Fotografien.

Jackson hielt sich drei Jahre im Archipel auf. Auf der Northbrook-Insel am Kap Flora wurde das Basislager errichtet. Von dort drang er mit Hunden und Ponys weit nach Norden des Franz-Josef-Lands vor. Wenngleich auch er keinen Weg zum Nordpol fand – seine bedeutendste Erkenntnis neben vielen zoologischen und geografischen Entdeckungen war, dass Franz-Josef-Land lediglich ein Archipel mit vielen Inseln und Inselchen ist, der vermutlich nicht weiter als 82° Nord reichen würde. Damit war die These des Petermann-Landes erstmals erschüttert.

Frederick George Jackson
Frederick George Jackson

In Erinnerung geblieben ist diese Expedition vor allem auf Grund des fast unwahrscheinlichen Zusammentreffens zwischen Fridtjof Nansen und Frederick Jackson im Jahr 1896, als sich Nansen auf dem Rückzug von seinem erfolglosen Vorstoß zum Nordpol befand.  

Begegnung von F. Jackson mit F. Nansen auf der Northbrook-Insel im Juni 1896
Begegnung von F. Jackson mit F. Nansen auf der Northbrook-Insel im Juni 1896
04

1895 – 1896

Während dreier langer Jahre unternahm Fridtjof Nansen zwischen 1893 und 1896 mit seinem Expeditionsschiff Fram den Versuch, über den Nordpol die amerikanische Küste zu erreichen. Seine Idee, sich die Eisdrift und damit die Kräfte der Natur zunutze zu machen und nicht gegen sie zu arbeiten, war bahnbrechend zu seiner Zeit und brachte sein speziell konstruiertes Schiff über den 80. Breitengrad hinaus.

Fridtjof Nansen hatte sich mit jeglichen verfügbaren Mitteln auf umfangreiche wissenschaftliche Arbeiten während der Drift mit der Fram vorbereitet und konnte meteorologische, geografische, ozeanographische Ergebnisse und neue Erkenntnisse zur Transpolardrift gewinnen. 

Aber ein anderes großes Ziel verlor er nie aus den Augen. Nansen wollte als erster Mensch am Nordpol stehen! So erklärt sich, dass er als Expeditionsleiter die Fram auf einer Position von 84°4′ Nord verließ. Auf Grund der Driftpositionen des Schiffes war deutlich geworden, dass sie mit dem Schiff niemals in die Nähe des Pols kommen würden. Die noch fehlenden 660 Kilometer nahm er mit seinem Begleiter Hjalmar Johansen zu Fuß in Angriff. Das treibende Eis jedoch setzte den beharrlichen Kämpfen ein Ende.

Fridtjof Nansen
Fridtjof Nansen
Das Expeditionsschiff Fram
Das Expeditionsschiff Fram

Donnerstag, 21. März 1895
Morgens 9 Uhr -42 °C (Minimum in der Nacht -44 °C)

Montag, 8. April 1895
Nein, das Eis wird immer schlechter, und wir kommen nicht weiter, eine Kette folgt der anderen und es gab nichts als Eisblöcke, über die wir fahren mußten.

Dienstag 11. Juni 1895  
Auf die Dauer ein einförmiges Leben; Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat sich an dieselbe mühselige Quälerei über das Eis zu machen, das manchmal besser,  manchmal etwas schlechter ist, immer in der Hoffnung, das Ende zu sehen, aber immer vergeblich hoffend, immer derselbe eintönige Eishorizont, nichts als Eis. Wir wissen weder, wo wir sind, noch wissen wir, wann das enden wird.

Inzwischen schwinden unsere Vorräte von Tag zu Tag. Werden wir Land erreichen, solange wir noch zu essen haben – oder werden wir es überhaupt erreichen? 

Es ist schwer, unter solchen Umständen die Hoffnung aufrecht zu erhalten, aber trotzdem bewahren wir sie. Es kommen Augenblicke, in denen es unmöglich scheint, daß Geschöpfe, die nicht mit Flügeln ausgestattet sind, noch weiterkommen könnten.

Um beider Leben zu retten, kehrten sie auf einer Position von 86°13,6‘ Nord um und konnten nach zwei Jahren, am 10. August 1895, wieder festes Land betreten, eine kleine eisbedeckte Insel, die sie Adelaide-Insel nannten. Sie zogen noch weiter westlich und mussten erkennen, dass eine weitere Fahrt nach Spitzbergen unmöglich war. Nach allen Gefahren in einem unbekannten Gebiet mussten nun beide unter unglaublich primitiven Bedingungen auf Franz-Josef-Land, am Kap Norwegen, überwintern. Sie sammelten einige Steinbrocken, fanden einen Stamm, über den Walrossfelle als Dach gelegt wurden.

Reste des Überwinterungsplatzes von Nansen und Johansen nach mehr als 100 Jahren
Reste des Überwinterungsplatzes von Nansen und Johansen nach mehr als 100 Jahren

Durch einen überaus glücklichen Umstand trafen Fridtjof Nansen und sein Begleiter im Juni 1896 mit Frederick Jackson zusammen.

Dienstag 23. Juni 1896
S.163 / 164  

Was ist geschehen? Ich kann es noch immer kaum fassen. Wie wechselhaft doch dieses Wanderleben immer noch ist! Vor einigen Tagen im Eiswasser um das liebe Leben kämpfend, von Walrossen angegriffen, das leben von Wilden führend, das wir nun schon über ein Jahr ertragen haben. Wir waren uns sicher, noch eine weite Reise vor uns zu haben über Eis und Meer, durch unbekannte Regionen, ehe wir wieder anderen menschlichen Wesen begegnen. […] Und jetzt ein Leben des zivilisierten Europäers, umgeben von allem, was die Zivilisation an Luxus und Wohlleben bietet; im Überfluß Wasser, Seife, Handtücher, saubere weiche Wollkleider, Bücher und alles, wonach wir länger als ein Jahr geseufzt haben!

Ohne dieses Zusammentreffen und die selbstlose Unterstützung Jacksons (obwohl Nansen Jacksons Bewerbung für seine Expedition abgelehnt hatte), wären Nansen und Johansen wohl verloren gewesen. Denn Nansen vermeinte während der ganzen Überwinterung, sie befänden sich viel weiter westlich. Sein Plan war daher, über Gilesland nach Spitzbergen zu gelangen. Ihm diente Payers Karte als Orientierung. Dass Gilesland nicht existierte, hatte Jackson während seiner Forschungsfahrten schon festgestellt. Der Vergleich der Aufzeichnung Nansens und Jacksons erbrachte eine detaillierte neue Karte des Franz-Josef-Landes. Die Insel, auf der sie die schwere Überwinterung überstanden hatten, erhielt den Namen Jackson-Insel.

 
Karte von Franz-Josef-Land mit der Route von Nansen und Johansen
Karte von Franz-Josef-Land mit der Route von Nansen und Johansen
05

1898 – 1899

Die Geografie von Franz-Josef-Land war detailliert ausgearbeitet – nun erschienen die Abenteurer. Walter Wellman (1858–1934), Reporter des Chicago Record Herald,  schien schon in den Augen seiner Zeitgenossen das typische Exemplar eines unseriösen Reklamemachers zu sein. Begeistert von den Polarregionen, nahm er immer wieder Anlauf, den Pol zu erreichen – zunächst per Schiff, später per Luftschiff. Alle Versuche scheiterten.

1898 erreichte er mit einer Gruppe von zwei Amerikanern und fünf Norwegern, darunter Bernt Bentsen und Paul BjØrvig, Kap Flora, bediente sich der Depots, die Jackson zurückgelassen hatte und errichtete seine Basis am Kap Tegetthoff, dabei nahm er eine der von Jackson errichteten typischen oktogonalen Hütten mit. Wellman war mit 83 Ponys ausgerüstet.

 

Walter Wellman
Walter Wellman
Paul BjØrvig
Paul BjØrvig

Kurz nach der Ankunft, am 5. August, wurde eine Gruppe von drei Norwegern unter Leitung von Evelyn Baldwin nach Norden gesendet, um die so weit wie möglich nördlich gelegene Position zu erreichen, am besten Kap Fligely auf der Rudolf-Insel. Aber das gesamte Equipment war so untauglich für den Einsatz in der Arktis, die Hunde nicht trainiert, so dass die Männer alles mühselig per Hand schleppen mussten. Am Kap Heller auf der Wilzcek-Insel wies Baldwin die Norweger an, eine Hütte zu errichten.

Großzügig gab er ihr den Namen „Fort Mc Kinley“. In Wahrheit war die Unterkunft nicht viel besser als Nansens Provisorium bei seiner Überwinterung 1895/96.  Zwei Norweger sollten hier überwintern – Bentsen und BjØrvig. Baldwin gestand ihnen für den Winter genau 4 (!) Paraffinkerzen zu, ansonsten sollten sie Robben und Eisbären jagen.

Baldwin war der letzte Typ Mann, den man sich wünschen konnte, und die Tatsache, dass wir ihn nicht verprügelt haben, war schon ein wenig seltsam. Da wir Verträge hatten … wir würden mit Essen versorgt, was für alle gleich wäre – und jetzt lag dieser Schuft da und aß im Dunkeln vor sich hin, wir sahen ihn nicht, aber er konnte die leeren Blechdosen nicht verstecken.

Reste des Überwinterungsplatzes von BjØrvig und Bentsen nach mehr als 100 Jahren am Kap Heller
Reste des Überwinterungsplatzes von BjØrvig und Bentsen nach mehr als 100 Jahren am Kap Heller

Mit einfachen Worten beschreibt BjØrvigs Tagebuch die Nächte in grausamer Kälte, Krankheit und Hunger. Der Weihnachtstag rückte heran.

Schließlich war es Heiligabend, aber es war der trostloseste und erbärmlichste Heiligabend, den man erleben kann. Wir waren zwei verlorene Seelen, die hier oben im Norden, am Ende der Welt, am rauesten Ort der Erde, in einem kleinen Schneeloch ohne Licht und Wärme und mit wenig von dem, was zivilisierte Menschen zu essen haben, lagen. Trotzdem waren wir guten Herzens, auch wenn der Tod bei einem von uns schon seine Spuren hinterlassen hat.                            

Bernt Bentsen starb am 2. Januar 1899. Paul BjØrvig hielt sein Versprechen. Die gefrorene Leiche Bentsens teilte mit ihm seinen Schlafsack. Sie hatten sich gegenseitig versprochen, im Falle eines Todes zu wachen, bis ein sicheres Begräbnis möglich wäre, weil ansonsten Eisbären sich über die Leiche hergemacht hätten.

Ende Februar traf Walter Wellman ein und war entsetzt über die Bedingungen. Der Rest der Gruppe hatte den Winter einigermaßen komfortabel im Basislager am Kap Tegetthoff verbracht. Bentsen wurde begraben und Wellman und die vier Norweger begannen einen Marsch nach Norden.

Am 21 März auf 81°40′ N verloren sie bei einem Sturm einen Großteil ihrer Ausrüstung, Wellman brach sich ein Bein und man kehrte zum Kap Tegetthoff zurück. Hier sah BjØrvig das erste Mal den Unterschied zwischen diesem Lager und dem Loch, in dem er und Bentsen den Winter verbracht hatten. Baldwin und die vier Norweger unternahmen noch einen Vorstoß Richtung Osten, erkundeten die Wilczek-Insel genauer und konnten die Insel Graham Bell erstmalig kartieren.

Bernt Bensen
Bernt Bensen
Grab von Bernt Bentsen am Kap Heller
Grab von Bernt Bentsen am Kap Heller
06

1899 – 1900

Die Abenteurer gaben sich auf Franz-Josef-Land buchstäblich die Klinke in die Hand. Noch auf der Rückfahrt Wellmans auf der Capella traf er auf den nächsten, der den Vorstoß zum Pol wagen wollte – seine Königliche Hoheit Luigi Amedeo von Savoyen-Aosta und Herzog der Abruzzen.

Auf dem Schiff Stella Polare befanden sich neben dem 26-jährigen Herzog und seinem Stellvertreter, dem 36-jährigen Umberto Cagni, neun weitere Italiener und neun norwegische Seeleute.  Am 12. Juli 1899 verließ die Expedition, gut vorbereitet auch durch Fridtjof Nansens Unterstützung, Archangelsk. Auch diese Gruppe erreichte zunächst Kap Flora. Jacksons restliche Hütten fand man in ziemlich heruntergekommenen Zustand vor, auch die Hütte von Benjamin Leigh Smith stand noch. Das Schiff erreichte die Rudolf-Insel. Der Herzog hatte noch die leise Hoffnung, höhere nördliche Breiten zu erreichen, vielleicht doch zum Petermann-Land? Aber da war nichts. In der Teplitz-Bucht bereitete man sich auf den Winter vor. Anfang September änderte ein starker Sturm alle Pläne. Das in die Bucht brechende Eis brachte die Stella Polare in eine derartige Schieflage, dass die geplante Überwinterung auf dem Schiff unmöglich wurde. 

 

Herzog der Abruzzen, Luigi Amedeo von Savoyen
Herzog der Abruzzen, Luigi Amedeo von Savoyen
Die Stella Polare
Die Stella Polare

Auf dem Eis wurde ein provisorisches Lager errichtet, in dem man – auch dank der hochgelobten Künste des Kochs – den Winter überstand. Alle wissenschaftlichen Arbeiten liefen regelmäßig weiter.

Der erste Angriff auf den Pol im Frühjahr musste nach drei Tagen abgebrochen werden. Der zweite Start, in kleine Gruppen eingeteilt, gelang am 11. März 1900. Nach und nach kehrten die Begleitgruppen der eigentlichen Polmannschaft unter Cagnis Leitung zum Camp zurück. Nur drei blieben für immer verschollen: Francesco Querini, Henrik Alfred StØkken und Felice Ollier.

Am 23. Juni erreichte den Herzog, der wegen zweier erfrorener und amputierter Finger nicht mit nach Norden hatte aufbrechen können, die glückliche Nachricht, dass die Polgruppe zurück sei. Und das Wichtigste: Sie hatten Nansens und Johansens Rekord gebrochen, denn sie hatten die nördliche Breite von 86° 34‘ N erreicht! Wegen der außerordentlich schlechten Eisverhältnisse und offenem Wasser konnte Umberto Cagni auf dem Rückweg nicht direkt das Camp auf Kap Fligely erreichen, sondern sich erst nach Süden bis nahe der Jackson-Insel durchschlagen, ehe sie wieder, nach Norden marschierend, die Rudolf-Insel erreichten.

Umberto Cagni auf dem Rückzug zur Rudolf-Insel
Umberto Cagni auf dem Rückzug zur Rudolf-Insel

Montag, 18. Juni 1900
Gegen 3 1/2 Uhr Nachmittags glauben wir zu bemerken, daß sich gerade im Osten eine viel leichter zu passierende Eisfläche befindet als die, auf der wir marschieren, und geraten in einen wahren Sumpf von Eisschollen, in dem wir beinahe umkommen. Es war eine angstvolle Stunde, in der wir über die sich unter unseren Füßen überschlagenden und versinkenden Eisschollen hinwegbalanzierten. Auch die Rückkehr war unmöglich, weil die Eisschollen sich unter der Last der Schlitten voneinander entfernt hatten und das Wasser überall zutage trat.

 

Umberto Cagni war 104 Tage unterwegs und hatte unter schwierigsten Verhältnissen 1.200 Kilometer zurückgelegt.

Als die Expedition am 16. August 1900 die Teplitz-Bucht verließ, blieben Unmengen von Proviant an Land und einige Hunde für den aussichtslosen Fall, die drei Verschollenen würden doch noch auftauchen. Im nördlichen Teil Franz-Josef-Landes hatte diese Expedition die Landkarte wiederum verbessert.

Karte des Kaiser Franz-Joseph-Archipel nach der Expedition auf der Stella Polare
Karte des Kaiser Franz-Joseph-Archipel nach der Expedition auf der Stella Polare

1900

Touristische Fahrten in die Arktis hatte es Ende des 19. Jahrhunderts schon einige gegeben. Spitzbergen war ein beliebtes Ziel. Nun erkannte  Wilhelm Bade (1843–1903) die Attraktivität des neuen arktischen Archipels. Seit 1858 war Bade ein erfahrener Nordlandfahrer und der erste, der regelmäßig Reisen in die Arktis anbot, Auf dem Schiff Hertha befanden sich jagdhungrige, gut zahlende Touristen, die sich große Hoffnung auf Eisbärenfelle machten.

Vor allem die italienischen Gäste hofften auf eine Begegnung mit der Stella Polare. Eine Anlandung auf Franz-Josef-Land war zwar nicht möglich, die Passagiere trafen jedoch auf der Rückfahrt tatsächlich den Herzog der Abruzzen und waren die ersten, die erfuhren, dass Fridtjof Nansens Rekord gebrochen war.

07
Der norwegische Robbenfänger Hertha von der Stella Polare aus gesehen
Der norwegische Robbenfänger Hertha von der Stella Polare aus gesehen
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1901

Nun hinterließ auch Russland erstmals seine Spuren auf Franz-Josef-Land. Der russische Eisbrecher Jermak erreichte den Archipel. Die Konstruktionspläne erarbeitete der fähige Marineoffizier, Polarforscher und Wissenschaftler Admiral Stepan Makarow (1843–1904). Er hatte die Rückständigkeit der russischen Marine erkannt und setzte als einer der ersten auf die Erschließung des Nördlichen Seeweges.

Der Eisbrecher war erst 1899 in Dienst gestellt. Am 16. Mai 1901 stach die Jermak unter Kapitän Wasilijew von Kronstadt aus in See. Die Eisverhältnisse waren schwierig, trotzdem steuerte Makarow Franz-Josef-Land an und besuchte die Northbrook-Insel am Kap Flora und die Hochstetter-Insel im Süden des Archipels.

 

Admiral Stepan O. Makarow
Admiral Stepan O. Makarow

1901 – 1902 Baldwin-Ziegler

Evelyn Baldwin,  Stellvertreter während der Wellman-Expedition 1898–1899, gelang es, den amerikanischen Millionär William Ziegler zu einer weiteren Expedition nach Franz-Josef-Land zu überreden, die unter seiner, Baldwins Leitung stehen solle. Ziegler stellte ihm unbeschränkte Mittel zur Verfügung und gab die Order aus

Find the Pole, and don’t come back until you do!

Baldwin charterte drei Schiffe – die umgebaute America, die schon von Wellmann genutzte Fridtjof und das bekannte Schiff Belgica. (Auf der Belgica erreichte eine Überwinterungsexpedition 1897–1899 die Antarktis. Zu ihrer Besatzung gehörten Frederick Cook und Roald Amundsen.)

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Ein Bild der "America", aufgenommen im Mondschein in der Weihnachtsnacht 1901
Ein Bild der "America", aufgenommen im Mondschein in der Weihnachtsnacht 1901

Mit 15 Ponys und 438 Hunden und einer außerordentlich umfangreichen Ausrüstung wollte Baldwin das Basislager im Norden auf der Rudolph-Insel errichten. Allerdings gelangte man nicht bis dorthin, das Lager entstand auf der Alger-Insel, mit Hundezwinger, Station für Ballonaufstiege, genannt „Camp Ziegler“. Wiederholte Versuche, zum Nordpol vorzustoßen, misslangen, ebenso die Rückkehr der America für eine Überwinterung in Norwegen.

Auch 1902 brach Baldwin den Marsch zum Pol ab, es waren nur wenige Depots angelegt worden. Stattdessen erkundete man das auf Payers Karte vermerkte Zichy-Land. Die Gruppe konnte feststellen, dass die Ziegler-Insel, die Champ-Insel und die Luigi-Insel separate Inseln sind. Die wissenschaftlichen Arbeiten waren jedoch immer dem schlecht gemanagten Ziel der Nordpolerreichung untergeordnet. Baldwin sendete Ballone aus mit 300 Nachrichten fürs Festland, um Kohlenachschub für die America anzufragen. Auch während dieser Expedition agierte er genauso rücksichtslos und rief durch sein Handeln größere Konflikte in den Mannschaft hervor. Nach der Rückkehr ließ Ziegler in seiner Zeitung einige Expeditionsmitglieder über Baldwins Unaufrichtigkeit, Trunkenheit, Verweigerung von lebenswichtiger Ausrüstung und dem fehlenden Willen zur Erreichung des Ziels berichten.

Ein Stop in Collinson Fjord, April 1902
Ein Stop in Collinson Fjord, April 1902

1903 – 1905 Fiala- Ziegler

Nach den immensen Ausgaben und so geringen Ergebnissen brach William Ziegler die Zusammenarbeit mit Baldwin ab. Jedoch hatte er die Aussicht auf polaren Ruhm noch nicht aufgegeben. So beauftragte er Anthony Fiala (1869–1950), Fotograf und Baldwins Stellvertreter während der Expedition 1901–1902, eine nächste Expedition zu organisieren. Das Ziel blieb dasselbe – Erreichen des Nordpols, das Schiff blieb dasselbe – die America.

An Bord befanden sich 39 Mann Besatzung, 200 Hunde und 30 Ponys. Die wissenschaftliche Leitung übernahm diesmal ein Vertreter der National Geographic Society, William Peters. Diesmal gelang es tatsächlich, die Rudolf-Insel zu erreichen. Zunächst musste im Logbuch noch ein neuer Rekord verzeichnet werden: 82° 13′ 50″ N – die höchste je erreichte nördliche Breite eines Dampfschiffes. In der Nähe des ehemaligen Lagers der Stella Polare wurde das Basis-Camp  errichtet. Dort fand man noch Öl- und Lebensmittelvorräte der Expedition vor.

Kurz vor Weihnachten jedoch, am 21. Dezember,  geriet die America in schwere Eispressungen und sank im Januar 1904. Mit dem Schiff ging eine Menge Proviant und Kohlevorräte verloren.

Trotzdem unternahm am 7. März Fiala mit weiteren 26 Männern, 13 Hunde- und 16 Ponyschlitten den ersten Vorstoß zum Pol. Nach vier Tagen brach er ab. Die Gruppe war einfach zu groß, vieles vom mitgenommenen Material erwies sich als nicht geeignet. Der zweite Versuch am 25. März wurde schon nach zwei Tagen beendet.

Anthony Fiala
Anthony Fiala
Die im Eis eingeschlossene America in der Teplitzbai 1904
Die im Eis eingeschlossene America in der Teplitzbai 1904
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Die Ziegler-Polarexpedition auf dem 82. Breitengrad Nord, März 1905
Die Ziegler-Polarexpedition auf dem 82. Breitengrad Nord, März 1905

Am 1. Mai verließ Fiala mit 25 Mann, die demoralisiert vom Misserfolg waren, Camp Abruzzi und brachte sie zum Kap Flora auf der südlichen Northbrook-Insel. Fünf weitere folgten am 9. Mai und erforschten auf dem Weg nach Süden den Archipel. Am Kap Flora hofften sie auf ein Schiff aus der Heimat. Das aber kam nicht. So stand also eine weitere Überwinterung bevor.  Neun Mann waren noch auf der Rudolf-Insel für einen dritten Versuch nach Norden im Frühjahr 1905. Die Gruppe am Kap Flora nutzte wiederum die Reste der Jackson-Hütten als Unterkunft. Obwohl man in der Nähe Kohlevorkommen entdeckt hatte, was die Überwinterung erheblich erleichterte, wuchs die Unzufriedenheit. Die rivalisierenden Gruppen wollten nicht mehr zusammenarbeiten und Fiala kehrte mit fünf anderen zur Rudolf-Insel zurück.

Seinen dritten und letzten und ebenfalls vergeblichen Marsch zum Pol startete Fiala am 17. März 1905.

Im Juli wurde die gesamte Mannschaft schließlich von der Suchexpedition der Terra Nova gerettet. Nur einer war unter ungeklärten Umständen ums Leben gekommen: der Norweger Sigurd Myhre. Er war einer der auf der Rudolf-Insel Verbliebenen und wurde am Kap Säulen begraben.

Der Nordpol blieb in weiter Ferne, Fiala war bei seinen drei Märschen nicht viel weiter als Baldwin vorgedrungen. Allerdings war die wissenschaftliche Ausbeute dieser Expedition wesentlich umfangreicher.  Zudem illustrieren ausgezeichnete Fotos Fialas ausführlichen Expeditionsbericht in jeder Phase der Expedition.

Grabstätte Sigurd Myrrhe auf der Rudolf-Insel, Franz-Josef-Land
Grabstätte Sigurd Myrrhe auf der Rudolf-Insel, Franz-Josef-Land

1909 Herzog von Orleans

Ein königlicher Nachkomme Frankreichs, Philippe d’Orleans (1869–1926), war ein reisefreudiger Erbe des riesigen Vermögens seines Vaters. Während seiner Entdeckungsreisen widmete er sich der Jagd und legte naturhistorische Sammlungen an. Zwischen 1905 und 1909 hielt er sich dreimal im Polargebiet auf, dafür hatte er das berühmte Schiff Belgica aufgekauft. Der Kapitän war jeweils Adrien de Gerlache, welcher auf der Belgica die Antarktisexpedition geleitet hatte.

1909 gelangte die Expedition neben Jan Mayen auch in das südliche Gebiet Franz-Josef-Lands. Dort betrieb er ausgiebig Jagd auf Eisbären und Robben und konnte wohl auch einmal die kleine Insel Pritchett-Insel betreten, auf der sie ein Depot der Baldwin-Ziegler-Expedition vorfanden. 

 

Louis Philippe Robert d’Orléans, duc d’Orléans
Louis Philippe Robert d’Orléans, duc d’Orléans
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1913 – 1914 Sedow-Expedition 

Viele Nationen hatten schon von Franz-Josef-Land aus den Vorstoß zum Pol gewagt und waren gescheitert. Trotz dieser Erfahrungen stach Ende August 1912 der mit einem Motor ausgerüstete Schoner St. Foka unter dem ehrgeizigen Marineleutnant Georgi Sedov (1877–1914) von Archangelsk aus in See. Er war beseelt vom Gedanken der Eroberung des Pols durch Russland.

Schweres Eis verhinderte seine Pläne, die Mannschaft musste ein erstes Mal auf Nowaja Semlja überwintern. Nachdem das Eis das Schiff 1913 spät freigegeben hatte, setzten sie im September, genau wie viele andere vor ihnen, ihren Fuß erstmals am Kap Flora an Land. Der Mannschaft stand auf Franz-Josef-Land eine zweite Überwinterung bevor. Auf der Hooker-Insel fanden sie ein kleine, eisfreie Fläche und eine stille Bucht – diesen Namen gab ihr Sedow – Buchta Tichaja, die stille Bucht, die in der Folge in der sowjetischen Forschung eine große Rolle spielen sollte.

Sedows Vorstoß zum Pol misslang, Nahe der Rudolf-Insel fand er den Tod. Die mitreisenden Wissenschaftler jedoch hatten während der zwei Überwinterungen einen großen Teil zur Erforschung des Archipels beigetragen.  

 

Georgi Jakowlewitsch Sedow
Georgi Jakowlewitsch Sedow
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Packeis
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1914 Hertha

Russland sandte 1914 eine Suchexpedition nach der Mannschaft der St. Foka aus unter Leitung des Kapitäns Ismailow. Später stellte sich heraus, dass die St. Foka, auf der Rückfahrt mit dem letzten Heizmaterial, bei der Suche im dichten Nebel verfehlt wurde. Auf Kap Flora fand man eine Nachricht vor, errichtete ein Depot für eine zweite verschollene Expedition des Kapitän Brussilow und kehrte nach Russland zurück.

1925 Worsley-Algarsson

Noch einmal erschien eine englische Expedition im Archipel. Frank Worsley (1873–1943), der 1921 Ernest Shackeltons Endurance in die Antarktis als Skipper begleitet hatte, unternahm gemeinsam mit dem Isländer Algarsson auf dem Schiff Island eine Forschungsfahrt nach Spitzbergen und Franz-Josef-Land.

Unter anderem war geplant, den Festlandssockel zwischen beiden Archipelen zu untersuchen. Und immer noch spukte das sagenumwobene Gilis-Land, angeblich nördlich von Spitzbergen gelegen, in den Köpfen. Das Schiff geriet in die Eisdrift, gelangte dabei bis zum Kap Barents auf der Northbrook-Insel und noch einige Meilen nordwärts durch den Britischen Kanal bis zur Prince-George-Insel.

 

Frank Worsley in der Uniform eines Lieutenant Commander der Royal Naval Reserve, 1917
Frank Worsley in der Uniform eines Lieutenant Commander der Royal Naval Reserve, 1917
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Leseempfehlung

Frederick Jackson: A thousand days in the Arctic. New York, Harper & Brothers, 1899.Fridtjof Nansen: In Nacht und Eis. 2 Bände. Berlin, Verlag Volk und Welt, 1987. Paul BjØrvig: Norwegian Bravado - Diaries from Fraz Josef's Land and Danes Island. Vagemot Miniforlag 2004.Luigi Amedeo von Savoyen: Die Stella Polare im Eismeer - Erste italienische Nordpolexpedition 1899 - 1900. Leipzig, Brockhaus, 1903.Anthony Fiala: Fighting the polar ice. New York, Doubleday, Page, 1907.Susan Barr: Franz Josef Land. Oslo, Norsk Polarinstittutt, 1995.
Alle Public Domain, außer
Fotografie: B. Schennerlein.
Paul BjØrvig und Bernt Bentsen – aus: Paul BjØrvig – Norwegian Bravado – Diaries from Fraz Josef’s Land and Danes Island.
Herzog der Abruzzen – aus: https://www.valka.cz/attachments/6000/Ritratto_del_Duca_degli_Abruzzi_Luigi_Amedeo_di_Savoia.jpg.
Cagni-Rückzug und Karte Stella-Polare-Expedition – aus: Luigi Amedeo von Savoyen. Die Stella Polare im Eismeer.
Grabstätte Sigurd Myrrhe – aus: Susan Barr. Franz Josef Land.

Fridtjof Nansen
Polarforscher und Friedensnobelpreisträger