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Am 13. Juni 1872 stach das Segelschiff Admiral Tegetthoff von Bremerhaven aus in See – Kurs Nord. Zwei fähige Marineoffiziere leiteten die Expedition.
Der eine Carl Weyprecht (1838–1881), Geophysiker und Kapitän des Schiffes; der andere Julius Payer (1841–1915), Alpenforscher und Kartograf. Eine bunte Mischung aus Bewohnern der k.u.k. Monarchie bevölkerte das Schiff, viele aus Istrien und Dalmatien, Italienisch war die allgemeine Schiffssprache. Fast keiner der 24 Besatzungsmitglieder hatte auch nur eine annähernde Vorstellung davon, was sie auf der Fahrt in die Polarwelt erwarten würde.
Seit einigen Tagen hatten wir eine den Meisten an Bord völlig fremde Welt betreten; dichte Nebel umhüllten uns häufig, aus dem zerrissenen Schneekleide des noch fernen Landes starrten uns seine verfallenen Zinnen unwirthbar entgegen. Alles rings um uns predigte Vergänglichkeit; denn unausgesetzt herrscht das Nagen des Meeres und die geschäftige Emsigkeit des Schmelzungs- processes an den Gefilden der Eiswelt. Bei bedecktem Himmel gibt es Nachts wohl kein melancholischeres Bild, als dieses flüsternde Hinsterben des Eises; langsam stolz wie ein Festzug zieht die ewige Reihenfolge weißer Särge dem Grabe zu, in der südlichen Sonne.
Das ideale Ziel unserer Reise war die nordöstliche Durchfahrt, ihr eigentlicher Zweck aber galt der Erforschung der Meerestheile oder Länder im Nordosten von Nowaja Semlja.
Der Versuch, nach vielen anderen die Passage im nordöstlichen Eismeer zu finden, scheiterte bereits am Beginn ihrer Fahrt. Schon am 25. Juli sichteten sie Eis. Weit südlich, auf 74°15‘ nördlicher Breite.
Die „Admiral Tegetthoff“ dampfte mit ihrem Hilfsmotor („100 effective Pferdestärken“) gegen die sich immer wieder schließenden Schollen an. Vergeblich. Bald schloss die Eisbarriere das Schiff ein.
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21. August 1872
Verhängnisvoll war der Verlauf dieses Tages. Bald gab es kein Wasser mehr um uns, niemals wieder sollten wir unser Fahrzeug in solchem sehen! Verzweiflung hätte uns erfüllen müssen, hätten wir an diesem Abend gewußt, daß wir fortan verdammt seien, willenlos den Launen des Eises zu folgen, daß alle Erwartungen schon jetzt eitel und vernichtet waren, damit auch alle unsere stolzen Hoffnungen – daß wir nicht mehr Entdecker waren, sondern unfreiwillige Passagiere des Eises.
Die Polarnacht kam, das Schiff driftete ziel- und steuerungslos in unbekannten arktischen Gebieten. Eispressungen, die dröhnend das dicke Eis brachen, Schollen haushoch türmten, bedrohten beständig das Schiff und das Leben der Männer.
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Die Zeit schlich dahin, die Sonne kam wieder, nur beständige wissenschaftliche Arbeiten, Reparaturen am Schiff und die Tagesroutine lenkte die Mannschaft ab. Aber das Eis begann zu schmelzen und damit kam die Hoffnung auf Befreiung aus dem Eispanzer. Im Mai, Juni, Juli und August half man nach durch fortgesetztes Graben und Sägen am Eis. Aber alles war nutzlos! Auch Sonne und Stürme halfen nicht. Am 18. August beging man an Bord des Schiffes den Geburtstag des Kaisers Franz Josef. Am 25. August 1873 ging die Sonne das erste Mal wieder unter. Der Sommer war zu Ende. Die Besatzung musste einer zweiten Überwinterung im Eise entgegensehen.
Ein denkwürdiger Tag war der 30. August 1873 (in 79°43‘ Breite und 59°33‘ Länge); er brachte eine Überraschung, wie sie nur in der Wiedergeburt zu neuem Leben liegt. Es war um die Mittagszeit, da wir über die Bordwand gelehnt, in die flüchtigen Nebel starrten, durch welche dann und wann das Sonnenlicht brach, als eine vorüberziehende Dunstwand plötzlich rauhe Felszüge fern in Nordwest enthüllte, die sich binnen wenigen Minuten zu dem Anblick eines strahlenden Alpenlandes entwickelten! Im ersten Momente standen wir Alle gebannt und voll Unglauben da, dann brachen wir, hingerissen von der unverscheuchbaren Wahrhaftigkeit unseres Glücks, in den stürmischen Jubelruf aus: ‚Land, Land, endlich Land!
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Die Drift führte das Schiff zunächst etwas nach Süden, dann wieder nach Nordost. Ende September 1873 erreichte Admiral Tegetthoff die nördlichste Breite der Expedition – 79° 58‘ Nord. Die zweite Polarnacht, 125 Tage lang, verging in bitterster Kälte und wiederholten Eispressungen. Aber die Hoffnung, im Frühjahr vielleicht das neue Land erforschen zu können, ließ die Männer mit neuem Mut ausharren.
Im März 1874 brach eine kleine Gruppe unter Leitung Julius Payers auf, ausgerüstet mit wissenschaftlichem Gerät und Proviant, Gewehren und Patronen für etwa eine Woche, um einen ersten Eindruck des neuentdeckten Landes einzuholen.
Auf weiteren zwei wagemutigen Schlittenreisen über Land kartierten die Männer die gesehenen Inseln und Fjorde, sammelten biologisches Material. Während der zweiten, siebzehntägigen Schlittenexpedition erreichten sie am 12. April 1874 den nördlichsten Punkt bei 82° 5‘. Dem Kap gaben sie den Namen des österreichischen Kartografen August von Fligely.
Damit hatten sie, ohne es zu ahnen, den nunmehr nördlichsten Landpunkt Eurasiens erreicht. Payer beschrieb in seinem Expeditionsbericht damals noch Land weiter nördlich, das sogenannte Petermannsland, das er auch auf seiner Karte einzeichnete. Dieses stellte sich, wie viele andere vermeintlich gesehene Inseln in der Arktis, später als ein Irrtum heraus.
Der Rückzug zum Schiff über fast 300 km war ständig bedroht durch schmelzendes Eis, offene Wasserrinnen, Schneeblindheit und äußerster Erschöpfung. Bald standen sie vor dem offenen Meer – „ohne Fahrzeug, fast ohne Proviant, fünfundfünfzig Meilen vom Schiffe entfernt!“ S.351
Durch Schneestürme und äußerste Gefahren gelangten sie wieder zu der Stelle, von wo sie aufgebrochen waren. Doch würden sie das steuerlose, driftende Schiff überhaupt noch vorfinden?
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Bald nach den drei erfolgreichen Landexpeditionen traf die Schiffsleitung eine folgenschwere Entscheidung. Weyprecht beschloss den Rückzug nach Süden zu Fuß über das driftende Eis. Das Schiff würde auch im kommenden Sommer nicht freigesetzt werden. Drei Boote wurden mit Proviant, Munition und wissenschaftlichen Ergebnissen beladen. Am 20. Mai verließ die Mannschaft das noch völlig intakte Schiff.
Wochenlang zogen sie die tonnenschwere Last über Eisblöcke und Wasserrinnen, brachen knietief im Schnee oder gar im treibenden Meereis ein, mussten tagelang im Schneesturm unter den Booten Schutz suchen.
Und dann das Entsetzen:
15. Juli 1874
Jetzt aber hatten die beharrlichen Südwinde selbst die geringen, mit ungeheurer Mühe erzielten Fortschritte vernichtet; nach Verlauf zweier Monate voll unbeschreiblicher Anstrengungen war die Entfernung, welche uns vom Schiffe trennte, nicht größer als zwei deutsche Meilen!
Doch Kapitän Weyprecht gelang es, die erschöpfte und verzweifelte Mannschaft zum Durchhalten zu bewegen.
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Am 15. August erreichten sie das offene Meer bei 77° 40‘. Die Boote wurde seetauglich gemacht zum Rudern über den Arktischen Ozean. Das Glück war ihnen hold – kein Sturm brachte die Boote zum Kentern. Bald sahen sie die Ufer von Nowaja Semlja. Eines der letzten Schiffe, die sich noch an den Küsten aufhielten, der russische Schoner Nikolai, nahm die Mannschaft der Admiral Tegetthoff auf.
Am 3. September 1874, nach 812 Tagen, lief das Schiff mit den schon lange als vermisst Geglaubten im norwegischen Hafen von Vardö ein.
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Die umfangreichen wissenschaftlichen Ergebnisse wurden von der Akademie der Wissenschaften veröffentlicht. Carl Weyprechts Flaschenpost, die er schrieb, als er die Mannschaft zum Durchhalten motivierte, wurde 104 Jahre später von einem russischen Forscher auf Franz-Josef-Land aufgefunden. Sie befindet sich heute im Besitz der Österreichischen Akademie der Künste.
Julius Payer schuf im Nachgang zur Expedition eine Reihe von Gemälden. Das bekannteste wurde „Niemals zurück“.
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Leseempfehlung
Julius Payer: Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition in den Jahren 1872–1874, nebst einer Skizze der zweiten deutschen Nordpol-Expedition 1869–1870 und der Polar-Expedition von 1871, Alfred Hölder, Wien 1876.
Frank Berger: Julius Payer. Die unerforschte Welt der Berge und des Eises. Tyrolia-Verlag, Innsbruck / Wien 2015, ISBN 978-3-7022-3441-6.
Alle Public Domain, außer
Grafiken von Julius Payer – aus: Julius Payer. Die österreichisch-ungarische Nordpol-Expedition in den Jahren 1872–1874, nebst einer Skizze der zweiten deutschen Nordpol-Expedition 1869–1870 und der Polar-Expedition von 1871
Fotografie: B. Schennerlein.