Erst zum Ende des 19. Jahrhunderts gelangte der Archipel Franz-Josef-Land auf die Karten, zu einer Zeit, als die meisten Landmassen der Erde schon entdeckt waren. Es hätte anders kommen können – sehr viel früher.
Russische Wissenschaftler analysierten lange vor der Entdeckung von Franz-Josef-Land Ergebnisse bisher bekannter Expeditionen und prophezeiten die Existenz von Land. Genau in jenem Gebiet, wo seit 1873 Franz-Josef-Land auf den Karten verzeichnet ist.
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Der erste war der Universalgelehrte Michail Wassiljewitsch Lomonossow (1711–1765).
Zu seiner Zeit leitete er unter anderem die geografische Abteilung der Akademie der Wissenschaften und entwarf eine zirkumpolare Karte der Erde. In seiner 1763 veröffentlichten Schrift „Kurze Beschreibung verschiedener Reisen auf den nördlichen Meeren und Darstellung einer möglichen Passage des sibirischen Ozeans nach Ostindien“ vermochte er mittels theoretischer Analysen Entdeckungen vorherzusagen.
Auf der Karte markierte Lomonossow Routen, die Expeditionsplanungen zur Auffindung der Passage im Nordwesten und Nordosten des Arktischen Ozeans anregen. Darüber hinaus findet sich in seiner Schrift folgende Beschreibung:
Wenn sich also Meer um den Pol herum findet, bleibt die Frage, ob es sich direkt am Pol selbst befindet oder ob dort auch Land ist. Die Lösung ist hier nicht klärbar, aber es ist wert, die Betrachtung anzustellen. Es scheint mir, obwohl vielleicht nicht am Pol selbst, jedoch in seiner Nähe es eine Insel von nicht geringem Ausmaß geben sollte oder viele weitere:
1) weil es für die umgebende Meeresströmung natürlicher ist, um eine Insel zu verlaufen, so wie in anderen Meeren Strudel existieren;
2) die von Barents und Cornelis Rijp entdeckten Küsten, die sich weit entfernt und südlicher erstrecken, weisen auf eine große Insel, die weiter nördlich als 80 Grad und 11 Minuten liegt und von Spitzbergen nach Osten verläuft;
(3) Und da Spitzbergen allein aus drei Hauptinseln und sehr vielen kleinen Inseln besteht, und die erwähnte Cornelis-Insel in der Nachbarschaft derselben liegt, so ist es sehr wahrscheinlich, dass der nördlichste Teil der Welt mit vielen Inseln angefüllt und von einem Archipel eingenommen ist, jenseits dessen die mitternächtlichen Gestade Nordamerikas liegen.
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Der baltische Baron und Marineoffizier Nikolai Gustawowitsch Schilling (1828–1910) hatte schon in jungen Jahren Erfahrungen während der Weltumsegelung der Fregatte „Diana“ sammeln können. 1865 veröffentlichte er einen Artikel in der Zeitschrift „Morskij Sbornik“. Schilling legte seine Gedanken über neue Wege zur Passage im Nordpolarmeer dar. Bemerkenswert bei seinen Ausführungen ist, dass wissenschaftliche Forschung und nicht das Erreichen neuer Rekorde im Vordergrund standen. Schilling schloss aus Aufzeichnungen zu Bewegungen des Eises, dass sich nördlich von Spitzbergen Land befinden müsste.
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Wenige Jahre später, 1871, griff Fürst Pjotr Alexejewitsch Kropotkin (1842–1921) die These Schillings auf. Kropotkin war eine schillernde Persönlichkeit seiner Zeit. In Erinnerung geblieben sind insbesondere seine humanistischen Ansichten zum anarchischen Kommunismus. In seinen Schriften setzte er vor allem der Theorie Darwins, dem ewigen Kampf ums Dasein, eine andere Idee einer Gesellschaft entgegen: den Glauben an eine gewaltfreie und auf gegenseitiger Hilfsbereitschaft beruhenden Gesellschaft. Aber auch wissenschaftlich erwies er sich als brillanter Forscher, so auch als Geograph. Er bereiste mehrfach unbekannte Regionen Sibiriens und revidierte damals herrschende Anschauungen über das nordöstliche Asien.
1870 war eine Kommission gegründet worden, die einen Plan zur Erforschung des Nordens erarbeitete. Den Bericht an die Russische Geografische Gesellschaft 1871 verfasste Kropotkin. Darin heißt es u.a.:
Nördlich von Novaya Zemlya muss es ein Land geben, das auf einem höheren Breitengrad als Spitzbergen liegt. Darauf deuten hin: die Unbeweglichkeit des Eises nordwestlich von Nowaja Semlja; Steine und Schlick, die auf den dortigen Eisfeldern schwimmen und einige andere kleinere Indizien. Und darüber hinaus, wenn es ein solches Land nicht gäbe, würde die kalte Meeresströmung, die von der Beringstraße nach Grönland strömt, mit Bestimmtheit das Nordkap erreichen und die Küste der Kola-Halbinsel mit Eis bedecken, so wie wir es im äußersten Norden Grönlands sehen.
Der Bericht wurde als gründliche Analyse aller geografischen Problemstellungen im hohen Norden gewürdigt. Alle umfangreich zu lösenden Aufgaben waren ausgearbeitet.
Trotz der Unterstützung der Russischen Geografischen Gesellschaft – eine Expedition kam nicht zustande. Das zuständige Ministerium lehnte ab – keine geeigneten Schiffe und kein Geld!
Wenig später ging die Nachricht um die Welt: Eine 1872 gestartete Österreichisch-Ungarische Expedition entdeckte im Folgejahr nördlich von Nowaja Semlja neues Land.
Leseempfehlung
Alle Public Domain, außer
Lomonossows Schrift: https://web.archive.org/web/20160825203558/http:/www.sevprostor.ru/poleznoe-interesnoe/sever/759-geograficheskie-predskazanija-lomonosova-ob-arktike,
N. Schilling: http://rusgeneral.ru/general_sh1.html

