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5. KAP FLORA

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Kap Flora – ein ungewöhnlicher Name für ein Stück Land in der Hocharktis. Doch dieser verlassene Zipfel Erde macht seinem Namen alle Ehre. Wer hier an Land geht, dem ragt zunächst eine mächtige Basaltformation entgegen. Und dann glaubt man, sich in einem botanischen Garten wiederzufinden. Im kurzen polaren Sommer explodiert die hocharktische, reiche Vegetation  – Blümchen und Bodendecker, Gräser, dicke Moose und Flechten; heldenhafte Lebewesen, die dem arktischen Klima mit jedem Schneesturm aufs Neue trotzen. Die kreischende Vogelschar, die in den Felswänden brütet, trägt mit ihrem Dung einen Teil zum Gedeihen dieser empfindlichen Pracht bei.

Die Northbrook-Insel im Süden von Franz-Josef-Land spielte in der Entdeckungsgeschichte des Archipels eine herausragende Rolle. Aus Süden über die Barentssee kommend, setzten Expeditions-Mannschaften nach Payer und Weyprecht fast immer zuerst ihren Fuß am Kap Flora an Land, eine der wenigen eisfreien Stellen der vergletscherten Insel.

Benjamin Leigh Smith, Namensgeber und erster, der die Insel kartierte, überwinterte hier 1881–1882 unfreiwillig bei seinem zweiten Aufenthalt in einer improvisierten Hütte, Wellman 1898 und der Herzog der Abruzzen mit seiner Stella Polare 1899 gingen an Land ebenso wie im Jahr 1901 der Eisbrecher Jermak und die Baldwin-Ziegler-Expedition , denen 1903 die Fiala-Ziegler-Expedition folgte. Diese überwinterte dann nochmals 1904–1905 am Kap Flora. Auch die unglückliche Sedow-Expedition 1913 und ebenso deren Hilfsexpedition 1914 auf der Hertha betraten Kap Flora.

Basaltformation am Kap Flora
Basaltformation am Kap Flora
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1894 – 1897 Jackson-Harmsworth-Expedition

Eine der bedeutendsten Expeditionen der ersten Entdeckungsgeschichte von Franz-Josef-Land jedoch leitete der Engländer Frederick George Jackson (1860–1938).  Bedeutend war sie wegen ihrer Zielstellung: Nicht der Sturm auf den Nordpol, sondern die intensive wissenschaftliche Erforschung des Archipels stand im Plan einschließlich der Beantwortung der Frage nach dem Vorhandensein des Gillis-Landes. Nur diesem Ziel wurde auch das Vordringen nach Norden untergeordnet.   

Optimistisch stimmte Jackson der Bericht von Benjamin Leigh Smith. Dieser hatte zu Beginn der 1880er-Jahre völlig andere Eisverhältnisse als die Tegetthoff vorgefunden. Jackson selbst hatte durch eine ausgedehnte Forschungsreise in Sibirien 1893 intensive arktische Erfahrung gesammelt. Im enthusiastisch an der Arktisforschung interessierten Verleger Alfred Harmsworth fand er einen Finanzier für eine gut ausgestattete Expedition.

Im Juli 1894 verließ die Winward, ein speziell für arktische Verhältnisse angepasstes Schiff, Archangelsk. Die Crew, darunter acht Wissenschaftler, hatten in extrem kurzer Zeit von fünf Monaten die Expedition für die Dauer von zwei bis fünf Jahren geplant und ausgerüstet. 

Frederick George Jackson
Frederick George Jackson
Alfred Harmsworth
Alfred Harmsworth
Offiziere der 'Winward'
Offiziere der 'Winward'

Obwohl sie schon im August Franz-Josef-Land sichteten, war es ihnen auf Grund der Eisverhältnisse erst am 8. September möglich, am Kap Flora an Land zu gehen. Die Überwinterung auf der Bell-Insel mussten sie aufgeben.

Das erste, was sie am Kap Flora erblickten, war die kleine improvisierte Hütte von Benjamin Leigh Smith, ziemlich ramponiert. Alle Gegenstände darin voller Eis. Jackson brachte einen dreifachen Toast auf Leigh Smith aus und:

Ich habe eine Sandwichbox in einer Ledertasche mit mir (erstere war seltsamerweise voller Eis), um sie an Mr. Smith zurückzuschicken.

Am Kap Flora entstand das Hauptlager der Expedition, ein kleines Dorf, Elmwood genannt,  kleinere, mit Segeltuch bespannte Hütten für Lagerungszwecke und das große Blockhaus zum Wohnen. Alles war an Land vorgefertigt worden.

Lager Jacksons im Frühling am Kap Flora
Lager Jacksons im Frühling am Kap Flora

Jackson war von Anbeginn streng auf die Gesundheit der Mannschaft bedacht. Geregelte Abläufe, ständige Beschäftigung, und die Versorgung mit frischem Fleisch und Blut gegen Skorbut gehörten dazu, daher stand die Jagd zunächst im Vordergrund. 

Die Winward konnte auf Grund der Eisverhältnisse nicht zum Festland zurückkehren, so gab es zwei Überwinterungsplätze – an Land und auf dem Schiff. Für Verpflegung und Unterhaltung war ausreichend gesorgt – die Expedition verfügte über eine Bibliothek von 500 Bänden, ein Orchestrion, man spielte Whist, Schach, Cribbage und Fußball.

 

Nach einigen Erkundungstouren noch 1894 startete Jackson ab März 1895 die ersten Schlittentouren, legte Depots an und erreichte am 2. Mai ihre höchste nördliche Breite: Kap Mill auf der Jackson-Insel, noch nördlich des Kap Norwegen, wo Nansen und Johansen bald ihre schwere Überwinterung beginnen sollten. Nach den Touren im Jahr 1895, in denen Jackson den Westen und Nordwesten detailliert kartierte, gelangte er zur Überzeugung, dass Franz-Josef-Land lediglich eine Ansammlung von Inseln ist, die sich kaum weiter als bis 82° Nord erstreckten.

Im Juni verstarb ein Mitglied der Mannschaft und wurde an den Klippen nahe Elmwood begraben.

Mouat wurde heute beerdigt. Sein Sarg wurde von der Besatzung auf einem Schlitten vom Schiff heraufgetragen und mit dem Union-Jack bedeckt. Die gesamte Expedition traf sich mit dem Schlitten am oberen Ende des Hangs, und wir stellten uns in Paaren hinter dem Schlitten auf. Armer Mouat. Wir taten, was wir konnten, um ihm die letzte Ehre zu erweisen. Der Schlitten wurde von seinen Schiffskameraden gezogen, und es hatte etwas sehr Trauriges, als er über das eisige Land glitt. Ich ging mit dem Kapitän hinterher, gefolgt von der Landgruppe und der Mannschaft. Als wir das Grab erreichten, versammelten wir uns mit gesenkten Köpfen um ihn, und der Arzt hielt die Trauerrede. Als der Leichnam herabgelassen wurde, warfen einige von uns Schnee und gefrorene Erde hinein, ein sehr trostloser Anblick.

Im Juli 1895 gelang es, die Winward freizubekommen, das Schiff kehrte zum Festland zurück. In Elmwood verblieben die acht Wissenschaftler. Sechs von ihnen unternahmen bald darauf eine Fahrt in den Südwesten und konnten nahe an das Kap Mary Harmsworth auf Alexandraland gelangen.

Jackson setzte für die Logistik in den hohen Breiten sowohl auf Hunde als auch auf Ponys. Davon blieb er auch überzeugt, trotzdem im kommenden Winter drei der vier mitgenommenen Ponys starben, ebenso wie elf Hunde.

Das Pony Brownie
Das Pony Brownie

Noch während der Vorbereitungszeit der Expedition war das von Payer benannte Petermann-Land nördlich Kap Fligely das Sehnsuchtsland in der Arktis, auch ein lediglich 1707  gesehenes Gillis-Land östlich von Spitzbergen regte die Phantasie an. Doch nach weiteren Expeditionen 1896, behindert durch weichen Schnee und offenes Wasser war Jackson endgültig überzeugt: Das Petermann-Land gab es nicht. Neben der Kartierung der Prinz George-Insel und weiteren kleinen wurden eine Vielzahl geologischer, botanischer und zoologischer Exponate gesammelt.

Am 17. Juni kam es dann zum legendären Zusammentreffen zwischen Jackson und Nansen. Beide Gruppen hatten, ohne es zu wissen, fast ein Jahr in völliger Isolation und doch nahe genug beieinander verbracht. Nansen und Johansen genossen Jacksons Gastfreundschaft und konnten im August mit der Winward zurückkehren, die mittlerweile neuen Nachschub gebracht hatte.

Jackson schätzte ein, dass vor der Gruppe noch weitere zwei Jahre Arbeit liegen würden, um den Archipel endgültig zu kartieren. Hilfreich war, dass die Inselwelt im  Nordosten Franz-Josef-Lands durch Nansens Aufzeichnungen ergänzt werden konnte.

Das Lager Elmwood, aufgenommen von F. Nansen 1896
Das Lager Elmwood, aufgenommen von F. Nansen 1896

Im März 1897 brach Jackson mit seinem Stellvertreter Albert Armitage (1864–1943) zur bis dahin längsten, achtwöchigen Schlittenreise auf. Der gesamte Westen wurde kartiert, sie umrundeten die Insel Prinz George Land und Alexandraland. Im Ergebnis war klar, dass diese Inselwelt viel kleiner war als das durch Payer in die Karte gezeichnete König-Oskar-Land vermuten ließ.

Auf Alexandraland hielten sie Ausschau:

16. April, Freitag. – Aufstehen 6 Uhr, um früh aufzubrechen. Es ist immer noch schön, aber es sieht sehr bedrohlich aus, mit einer Brise aus Südost und dunklen Wolken in dieser Richtung.

Ich habe eine klare Sicht von West nach Nord bis Nordost über die Victoria-See, und sehe in keiner Richtung Land vor der Küste. Wir befinden uns jetzt in einer Höhe von fast 1.500 Fuß über dem Meer. Wo ist Gillis-Land? – Es kann nicht existieren.

schrieb Jackson.

Mit der Rückkehr der Winward im Juli 1897 erhoffte sich Jackson Nachschub und vor allem neue Ponys, denn auch das letzte, ihr Pony Brownie,  war während der letzten schweren Schlittenfahrt  gestorben. Aber das Gegenteil war der Fall – Jackson wurde zurück nach England beordert. Auf der Rückfahrt wandten sie sich nochmals nach Westen, um sich endgültig von der Nichtexistenz des Gillis- Landes zu überzeugen, welches Nansen als Zwischenstopp für seinen Rückzug nach Spitzbergen hatte nutzen wollen. Jacksons Hilfe hatte also Nansen und Johansen das Leben gerettet.

Schon damals wurden von der Öffentlichkeit Jacksons Ergebnisse wenig gewürdigt, dabei hatte seine Expedition einen enormen Kenntniszuwachs über den Archipel erbracht. Sie wurden vom Hype um die Heimkehr von Fridtjof Nansens Fram-Expedition überlagert. Außerdem hatte sich Nansen nicht gescheut, die gemeinsamen kartografischen Ergebnisse schon zu veröffentlichen, ehe Jackson auch nur eine Chance dazu hatte.

Karte von Franz-Josef-Land mit den Routen und Ergebnissen der Jackson-Harmsworth-Expedition
Karte von Franz-Josef-Land mit den Routen und Ergebnissen der Jackson-Harmsworth-Expedition
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1901 StØkken-Expedition

Im letzten Jahr des ausgehenden 19. Jahrhunderts hinterließ die italienische Expedition unter Leitung des Herzogs der Abruzzen ihre Spuren auf Franz-Josef-Land. Umberto Cagnis Vorstoß zum Pol vom Winterlager in der Teplitz-Bucht wurde durch Begleitmannschaften unterstützt. Eine davon, mit den drei Mitgliedern Francesco Querini, Henrik Alfred StØkken und Felice Ollier, verschwand für immer im Packeis. Henrik Alfred StØkken diente als Ingenieur auf der Stella Polare. Durch einen Zufall traf er 1899 mit seinem Vater zusammen, Kapitän Olaf StØkken aus Sandefjord. Dieser befehligte die Capella, das Schiff, welches Wellman zurück nach Hause brachte. Das Treffen im Britischen Kanal am 6. August 1899 sollte das letzte zwischen Vater und Sohn werden.

Inzwischen unterhält sich Kapitän Stökken der ‚Capella‘, der Vater unseres Maschinisten, der ebenfalls auf die ‚Stella Polare‘ gekommen war, heiter mit Kapitän Evensen und spricht seine Verwunderung über die Veränderung aus, die mit dem alten ‚Jason‘ vorgegangen ist. […] Ich habe große Eile weiterzufahren, um an diesem schönen Tage den Vorteil eines klaren Horizontes voll auszunutzen. Wir verabschieden uns von den Amerikanern unter Zutrinken und gegenseitigen guten Wünschen, […], dann setzen sich die beiden Schiffe in Bewegung. Die ‚Capella‘ nimmt ihren Kurs nach Süden, um in die Kulturwelt zurückzukehren, wir dringen weiter in unerforschte, öde Regionen vor.

Nach der Rückkehr der Stella Polare ohne seinen Sohn richtete Kapitän StØkken, wiederum auf der Capella, eine Suchexpedition nach den drei Verschollenen aus. Auch er traf auf Kap Flora ein und untersuchte die südlichen Gewässer nach Spuren seines Sohnes und der beiden Italiener. Vergeblich! Nochmals am Kap Flora angelandet, errichtete die Mannschaft eine Gedenksäule für die drei Verschollenen.

Die Gedenkplakette mit der Aufschrift „F. Querini H. StØkken F. Ollier Stella Polare 1900“ ist heute verschwunden.

Verschiedene Erklärungsversuche wie fehlende Nahrung oder ein Unfall spekulierten lange über ihr Verschwinden. Erst in jüngster Zeit erschien eine Analyse, die Drift und meteorologische und magnetische Bedingen einbezieht und zum Schluss kommt, dass die drei wohl von einer viel weiter westlich gelegenen Position aus ihren Rückweg angetreten hatten, als angenommen.

Gedenksäule für die Verschollenen der 'Stella Polare' Expedition am Kap Flora
Gedenksäule für die Verschollenen der 'Stella Polare' Expedition am Kap Flora
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1913 und 1914 Sedow-Expedition

Wie etliche Expeditionen vor ihnen, landete auch die St. Foka unter Führung von Georgi Sedow erstmalig bei Kap Flora an. Am 13. September 1913, sehr spät im Jahr und nachdem sie schon eine ungeplante Überwinterung auf Nowaja Semlja hinter sich hatten, sichteten sie die Inselgruppe:

Auch ich hatte mir vorgestellt, etwas ähnliches wie Nowaja Semlja zu sehen, aber dieses Land glich keinem der Gestade, die ich bisher gesehen hatte. Es trat aus leichtem Nebeldunst hervor. Wir konnten lange nicht entscheiden, ob es eine erstarrte Wolke war oder ob hohe, sanft ansteigende Berge sich jenseits des Horizontes über eisfreiem Wasser erhoben. Endlich zeichnete sich ein Berg ab, der wie eine weiße umgestürzte Schüssel aussah, dahinter erhoben sich ebenfalls weiße Berge mit dunklen Streifen in der Nähe der Gipfel. Da lag es vor uns, dieses Land, das vor 50 Jahren noch niemand kannte. 

So schrieb Nikolai Pinegin, einer der Teilnehmer der Expedition.
Am 14. September, nach einem heftigen Sturm, gingen alle an Land.

Ein Gefühl, das an Ehrfurcht grenzt, erfaßt uns, wenn wir das erstemal diesen bemerkenswerten Fleck Erde betreten. Wieviel wagemutige Männer sahen in Kap Flora die erste Stufe zur Verwirklichung ihres Traumes vom Pol!  […]  In der Nähe eines kleinen Sees liegen alle Gebäude, die Jackson im Jahre 1894 errichtet hat. Das Hauptgebäude schaut mit seinen kleinen Fenstern in die kalte Weite des Ozeans. […] Die Türen standen offen, die Fenster waren zum Teil von den Bären ausgebrochen, im Innern war alles vereist. Wir mühten uns recht ab, als wir uns in den engen Durchgang des vereisten Flures zwängten, und wir betrachteten die Hütte von der Höhe einer Eisschicht aus, die etwa einen Meter hoch auf dem Fußboden lag. 

Sedow drängte weiter nach Norden, jedoch der Mannschaft blieb eine zweite Überwinterung, diesmal vor der Hooker-Insel, nicht erspart. Von dort kehrte Nikolai Pinegin im März 1914 noch einmal nach Kap Flora zurück. Die Mannschaft wusste zu dieser Zeit schon vom Tode Sedows.

Am Abend des 27. März erreichten wir Kap Flora. Nachdem ich die Bambushütte in bewohnbaren Zustand gebracht und die schriftliche Mitteilung an sichtbarer Stelle befestigt hatte, machte ich mich am 31. März auf den Weg nach Westen, zur Bell-Insel. Ich besuchte das Eirahaus, das Leigh Smith vor 40 Jahren errichtet hat. […] Das Gebäude ist noch sehr gut erhalten, die Bretter haben noch ihre gelbliche Farbe bewahrt. […] An den Wänden finden wir einige schriftliche Mitteilungen – Dokumente von großem Wert: die eine ist eilig auf die Titelseite eines englischen Romans hingeworfen, ein Schreiben, das Jackson an die Besatzung der Nansenschen ‚Fram‘ richtete; an der den Fenstern gegenüberliegenden Wand liegt in einer Blechschachtel ein eigenhändiger Brief von Leigh Smith, in dem er über den Untergang der ‚Eira‘ berichtet. An der Wand finden sich viele Bleistiftnotizen, sie stammen von den Teilnehmern der Eira-Expedition, von Jackson und Wellmann. […]. Am nächsten Morgen heftete ich meine Mitteilung über die Lage der Expedition neben den Brief von Leigh Smith und verließ das Haus. Vom 2. bis zum 5. April weilten wir auf Kap Flora. […] Ich hatte noch eine Aufgabe zu erfüllen: Im Auftrage der Tabakraucher vom ‚Foka‘ sollte ich in den Gebäuden gründlich nachsuchen, ob da nicht etwas Tabak geblieben sei.

 
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Bambushütte am Kap Flora
Bambushütte am Kap Flora
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1914 Brussilow-Expedition

Die Entdeckungsgeschichte der Arktis ist reich an Tragödien und unheilvollen Verlusten, aber auch unerwarteten Glücksfällen. Dazu zählt in jedem Fall das lebensrettende Zusammentreffen von Fridtjof Nansen und Hjalmar Johansen mit Frederick Jackson im Jahr 1896 am Kap Flora, einem der abgelegensten Winkel der Erde. 18 Jahre später ersann das Schicksal eine ganz ähnliche Inszenierung. Die Vorzeichen allerdings waren tragischer.

Wie Georgi Sedow und Wladimir Russanow stach auch Georgi Brussilow 1912 auf dem Schoner St. Anna in See, Kurs Nord. Im April 1914, auf einer Position weit nördlich von Franz-Josef-Land, nach mehr als 18 monatiger Drift und unerträglichen Verhältnissen an Bord, verließ Steuermann Walerian Albanow mit 10 Männern die St. Anna, um einen Weg nach Süden zu suchen. Von ihnen erreichten nur Albanow und Alexander Konrad nach unmenschlichen Strapazen Kap Flora. Sie hatten Kenntnis von den dort vorhandenen Depots der vorangegangenen Expeditionen und hofften, dass mögliche Hilfsexpeditionen dort anlanden würden.

 

Walerian Albanow
Walerian Albanow
Alexander Konrad
Alexander Konrad

Im Juli begannen sich die beiden verlorenen Männer auf eine Überwinterung vorzubereiten. Und da – am 20. Juli 1914 geschah es:

In derselben Sekunde wanderte mein Blick etwas nach links und blieb wie gebannt an einer sonderbaren Erscheinung auf dem Meere hängen. Litt ich etwa wieder unter Halluzinationen? […] Als ich mich nochmals überzeugt hatte, dass es sich keinesfalls um eine Luftspiegelung handeln konnte, war ich starr vor Staunen! Meine Pulse flogen … Nachdem ich aus meiner Bestürzung zu mir selbst zurückgefunden und die Sprache wiedererlangt hatte, schrie ich aus Leibeskräften: ‘Alexander, es kommt ein Schiff, ein Schiff!‘ […] Auf mein Schreien war Alexander inzwischen aus dem Hause getreten und glaubte wahrscheinlich zunächst, dass ich irrsinnig geworden sei.

Von weitem hatte Steuermann Albanow die Umrisse der St. Foka erkennen können, wie er sie viele Male auf Reede in Archangelsk gesehen hatte und vermeinte, diese wolle Kapitän Sedow nach Norden bringen.

 Unsere Signale und unsere Schüsse wurden von der Besatzung der St. Foka zunächst gar nicht bemerkt und blieben unerwidert. Bald sank der Nebel herab, hüllte das Schiff ganz in dichte Schleier ein und entzog es unseren Blicken. Es konnte aber keinem Zweifel unterliegen, dass die St. Foka vor Kap Flora vor Anker gehen würde.

Ein Schiff kommt!
Ein Schiff kommt!

Albanow ruderte dem Schiff im Kajak entgegen.

Die Gesichter der Besatzung waren freudig erregt. Mir ging dieser Empfang sehr nahe; ich war durch die Ereignisse, die blitzschnell folgten, etwas verwirrt.

Und bald erfuhren Albanow und Konrad vom Schicksal der St. Foka, vom Tod Sedows, von der gescheiterten Expedition. Das Schiff war schon jetzt kaum noch fahrtüchtig, alles was verheizt werden konnte, war für die Abfahrt verbrannt worden, Zwischendeck, Gestänge usw. Der einzige Grund, warum die St. Foka so zielstrebig auf Kap Flora zusteuerte war, die Hütten von Jackson, die noch gut erhalten waren und die bisher vielen Expeditionen Schutz und Material geboten hatten, zu zerlegen, im Maschinenraum zu verfeuern, um irgendwie die Heimat zu erreichen.

 

Von der St. Foka aus erlebte Nikolai Pinegin, der gerade das Kommando hatte, das so:

Der feuchte Nebel setzte sich an; die Gläser des Feldstechers beschlugen. Ich schaute angespannt auf das Ufer – der Nebel verhüllte es bis auf einen schmalen Streifen dicht über dem Wasser. […] Nachdem ich dem Rudergänger gezeigt hatte, wohin er steuern musste, richtete ich wieder meine ganze Aufmerksamkeit auf den Uferstreifen – im Winter hatte ich eine festsitzenden Eisberg gesehen, da musste es Steine unter der Wasseroberfläche geben. Ganz unvermutet erblickte ich inmitten der Steine am Ufer einen Gegenstand, der einem Menschen glich. Im ersten Augenblick dachte ich, es sei eine Sinnestäuschung. […] In diesem Moment rief jemand von der Back: ‚Ein Mensch am Ufer!‘ Ja, ein Mensch, er bewegt sich! Wer ist das? Die ganze Bemannung der St. Foka rief ‚Hurra!‘ Jemand sagte: ‚Gewiß ist ein Schiff gekommen, um uns zu holen.

 

Das Unglück der einen Expedition hatte den zwei Überlebenden der zweiten tragischen Expedition am Ende das Leben gerettet. Albanow und Konrad dampften mit der vollständig ramponierten St. Foka in Richtung Murmanküste. Allen auftretenden Stürmen sah Albanow lachend entgegen:

Wie, unter 83° nördlicher Breite sein, im Eise zehn Gefährten verlieren, jede Minute am Rande des Verderbens schweben, an Land gehen, nachdem der letzte Zwieback aufgegessen ist, wunderbar gerettet werden durch ein Schiff, das als Gespenst im Nebel erscheint, das Eis bezwingen – und danach in einem gewöhnlichen Sturm untergehen? Nein, so etwas gibt es nicht.

Gedenktafel am Kap Flora zur Erinnerung an das Zusammentreffen der Sedow- und Brussilow-Leute
Gedenktafel am Kap Flora zur Erinnerung an das Zusammentreffen der Sedow- und Brussilow-Leute

Leseempfehlung

Frederick Jackson: A thousand days in the Arctic. New York, Harper & Brothers, 1899.Nikolai Pinegin: Aufzeichnungen eines Polarforschers. Leipzig, Phillip Reclam jun., 1954.Walerian Albanow: Irrfahrten im Land des weißen Todes. Stuttgart/ Gotha, Perthes, 1925.

Alle Public Domain, außer:
Jackson-Expedition – aus F. G. Jackson. A thousand days in the Arctic.
Bambushütte – aus: Nikolai Pinegin. Aufzeichnungen eines Polarforschers. Leipzig, Phillip Reclam jun., 1954.
Ein Schiff kommt – aus: Walerian Albanow. Im Reich des weißen Todes.
Fotografie: B. Schennerlein.

Fridtjof Nansen
Polarforscher und Friedensnobelpreisträger